Christa Krüger übersetzte u.a. Werke von Louis Begley, Penelope Fitzgerald und Richard Rorty. Sie lebt und arbeitet in Berlin.


Jack Dana war als US-Marine an den einschlägigen Kriegsschauplätzen der Welt im Einsatz. Nach einer Verletzung beginnt er zu schreiben, und gleich sein erster Roman wird ein großer Erfolg. Als er von einer längeren Reise zurückkehrt, muss er erfahren, dass sich sein Onkel Harry, der wie ein Vater für ihn war, in seinem Wochenendhaus auf Long Island das Leben genommen hat. Doch Jack, der seinen Onkel besser kennt als jeder andere, glaubt nicht an Selbstmord. Wollte jemand Harry aus dem Weg räumen? Doch weshalb? Und welche Rolle spielt Kerry Black dabei, die schöne Kollegin Harrys, der Jack zusehends verfällt? Jack verstrickt sich immer tiefer in die Machenschaften der einflussreichen Kanzlei, bei der Harry gearbeitet hat – und gerät bald selbst in Lebensgefahr 


Jack und all jenen, die ihn unterstützen, geht es um mehr: um grundsätzlichen Argwohn gegenüber staatlichen Organen, nicht nur wegen möglicher Unterlassungssünden, sondern auch wegen des Verdachts, dass sie mit den Kriminellen gemeinsame Sache machen könnten.


Mafiöse Strukturen, als selbstverständlich angenommen. Nun, das gibt es in vielen Ländern der Erde. Aber die USA stellen sich gemeinhin anders da. Louis Begley wird klar gewesen sein, dass er Spannung verschenkt, wenn er seinem »Helden« schon recht früh im Roman Gewissheit verschafft, dass sein Onkel ermordet wurde. Obwohl Polizei und Mitarbeiter von Harrys Anwaltskanzlei das Haus inspizierten, entdeckt Jack einen Mitschnitt der Tat - ein Mann mit balkanischem Akzent nannte Harry »Totes Fleisch« und verhielt sich entsprechend. Ein gedungener Killer - über seinen Auftraggeber gibt es wenig Zweifel. Zweifel betreffen, wie gesagt, zunehmend den Mann, an dessen Seite man beim Lesen ist, mit dem man bangt, dem man Erfolg wünscht, weil er im Recht ist. Weil er mit der Aufklärung des Mordes womöglich noch mehr leisten wird: Licht in dunkle Zusammenhänge des organisierten Verbrechens bringen.


Louis Begley, 1933 in Polen geboren, hat bis 2004 selbst als Anwalt in einer renommierten Kanzlei in New York gearbeitet. So wie Harry, der mehrere ehrenwerte Kollegen hatte, aber eben einige unehrenhafte auch. Solche, die für Geld alles taten und einen Mandanten schützten, der eigentlich vor Gericht gehörte. Der Sumpf gehört zum Kapitalismus, aber man hat schon den Eindruck, dass er in Übersee tiefer ist. Wegen der globalen Ansprüche. Beim Lesen dämmert es einem, dass die politischen Einmischungen der USA, weltweit und ohne Rücksichten auf die Folgen, auch - vielleicht zuvörderst - eine ökonomische Seite haben, die man allerdings niemals klar zu sehen bekommen wird. Zwar ist hier von Think Tanks ist die Rede, wie der »Freedom Now Foundation«, von Lobbyarbeit, um für Obamas Niederlage zu sorgen, aber die verbrecherischen Machenschaften von Harrys Klienten Abner Brown beschreibt Begley doch nur recht recht allgemein. Weil er in seiner Anwaltslaufbahn von solcherart Zusammenhängen mehr erfuhr, als ihm lieb war? Weil er damit auch nicht vor Gericht zog? Weil er weiß, dass das oft nichts bringt - und was Leuten wie Harry geschieht?


Nach seiner Entlassung aus der Army hat Jack Dana zu schreiben begonnen. Das erste seiner erfolgreichen Bücher verfasste er im Militärkrankenhaus, wo ihm die »Kugeln eines Taliban-Heckenschützen« aus den Beckenknochen entfernt wurden. Stolz gibt er auf der ersten Seite kund, »die härtesten Kampfschulen des Marinekorps mit Auszeichnung absolviert« zu haben, »Schulen, in denen man lernt, Feinde abzuknallen, die das Pech haben in Schussweite zu sein, oder ihnen, wenn sie nah genug sind, ein Messer zwischen die Rippen zu jagen«. Wie einfach es ist, einen Mann umzubringen oder ein Haus zu sprengen, erzählt er uns.

Da meint man noch, Bitterkeit herauszuhören. Später erleichtert es einen sogar, dass er in seinem Freund Scott (mit Verbindungen zur CIA) jemanden hat, der ihn bei der Jagd nach dem Mörder seines Onkels unterstützt. »Schick eine Drohne!«, sagt er zu ihm. Die Antwort: »Ein Predator wäre genau das Richtige, aber in den Staaten setzen wir die nicht ein. - Die Zeit wird kommen und nur allzu bald, lachte ich ...«

Aber eigentlich möchte er es allein tun. Es ist gefährlich, umso mehr sonnt er sich in der Vorstellung, wie es ihm gelingt. »Ich will den Scheißkerl umbringen.« Diese Selbstgefälligkeit, diese Großspurigkeit die ganze Zeit! Diese irrige Vorstellung, etwas ins Lot zu bringen, indem man Mord durch Mord beantwortet. Die archaische Blutrache funktionierte so, aber wenn es um Killerbanden und ihre Auftraggeber geht … Apologie der Stärke - er hat es nicht besser gelernt.


»Ich bin ein Krieger«, brüstet sich Jack. »Du riechst nach Blut«, sagt Kelly. »Du bist krank.« Mit seinen Charakteren trifft Louis Begley ein ganzes System. Seite 302


Zeig dich, Mörder (englischer Originaltitel: Killer, Come Hither) ist ein Roman des amerikanischen Schriftstellers Louis Begley. Er erschien im Jahr 2015 beim New Yorker  Verlag Nan A. Talese. Im gleichen Jahr veröffentlichte der Suhrkamp Verlag die deutsche Übersetzung von Christa Krüger. In Begleys erstem Ausflug in die Kriminalliteratur versucht ein amerikanischer Kriegsveteran, die Schuldigen am Suizid  seines Onkels zur Strecke zu bringen.